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Gerrit Fischer: »Die MeErkenntnis«

»Frank von Kronenburg war das, was man einen richtig unsympathischen Zeitgenossen nennen konnte. Wer sich mit ihm einließ, hatte dafür einen Grund. Freiwillig verbrachte man seine Zeit nicht mit ihm. Aber er hielt sich nicht nur für wichtig, er war es leider auch. Und es war besser, wenn man von seiner Wichtigkeit nie betroffen wurde.


Zweifelsfrei war er das beste Pferd im Stall der Unternehmensberatung Chester Consulting Group, die in einem der Glaspaläste der Frankfurter Skyline residierte. Denn kein anderer verstand es so gut, die Interessen des Unternehmens zu vertreten, und das ohne jegliches Mitgefühl und Skrupel. Was für Frank zählte, waren Macht und Erfolg, vor allem finanzieller Art. Dass er dafür bei seinen Umstrukturierungsmaßnahmen zahllose Existenzen ganzer Familien vernichtete, interessierte ihn nicht im Geringsten. Generell interessierte ihn nichts, was nicht mit ihm selbst zu tun hatte. Er sagte zu seinen Kollegen gerne, er käme direkt hinter Gott, und weil er an diesen sowieso nicht glaube, wäre er die Nummer eins.


Eines Tages stellte ihm seine Sekretärin einen hartnäckigen Notar aus Italien durch, der sich nicht abwimmeln ließ. Es ging um ein Erbe, welches ihm sein kürzlich verstorbener Onkel Anton von Kronenburg hinterlassen habe. Der Notar, Dottore Cremonesi, konnte, wollte oder durfte am Telefon keine genaueren Angaben zum Erbe machen. Frank sollte in die italienische Küstenstadt Rimini fliegen, um Genaueres zu erfahren. Das lehnte er aber ab. Doch am Abend überkamen ihn Zweifel, ob das die richtige Entscheidung gewesen war ...«

Gerrit Fischer wurde 1974 in Schwalmstadt geboren und lebt seit 1997 in der hessischen Kurstadt Bad Nauheim. Er ist zweifelsfrei der mediterranste Autor im Gemeinschaftsprojekt »Jede Menge Erben«: Seine amüsanten, aber auch nachdenklichen Romane »Adria-Express« (2010) und »Coccobello« (2012) entführen den Leser in die schönsten Ecken Italiens. Auch »Die MeErkenntnis« reifte dort, als er an einem kleinen Hafen sitzend auf ein altes Boot schaute. Es muss wohl diese selbst erlebte Entschleunigung sein, die seiner Erzählung das überraschende Ende gibt.

Homepage: www.gerritfischer.de