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Leseprobe

Roman Adria-Express

Wenn Sie Lust haben, einige Seiten des Romans Probe zu lesen, dann werfen Sie über die von der Seite www.schnupperbuch.de zur Verfügung gestellte Leseprobe einen Blick ins Buch." Dort haben Sie einen Einblick in das Schriftbild und das Erscheinungsbild des Buches. Wenn Sie nur am Inhalt interessiert sind, finden Sie unten einige Ausschnitte aus dem Adria-Express.

 

Prolog


Nun sitze ich hier vor dem Fenster und starre ins Leere. Sehe die Regentropfen an der Fensterscheibe entlangrinnen. Und versinke in Gedanken. Das habe ich schon immer gerne gemacht, wobei „gerne“ vielleicht nicht gerade die richtige Bezeichnung dafür ist.


Es gab Zeiten, da hat nicht viel gefehlt und ich hätte mein Leben weggeworfen. Einmal war ich kurz davor. An einem Tag, an dem es regnete, an dem ich, wie heute, vor dem Fenster saß und die Regentropfen beobachtete, wie sie sich ihren Weg suchten. Und wenn ich durch sie hindurch in die Welt da draußen schaute, dann war alles dunkel, traurig und ohne Hoffnung. Und genauso fühlte ich mich auch. Ich sah keinen Ausweg mehr.

 

Heute sehe ich etwas anderes dort draußen in der Ferne. Es ist ein anderes Fenster als jenes im Juni des Jahres 1996.

 

Ein seltsames Gefühl überkommt mich beim Blick zurück in eine Zeit, in der alles anders war …

 

                                   

Kapitel 1 


Nun sitze ich hier vor dem Fenster und starre ins Leere. Sehe die Regentropfen an der Fensterscheibe entlangrinnen. Und versinke in Gedanken. Im Radio läuft
Pur. Man kann sich bessere Musik vorstellen, aber ich habe keine Kraft, mir eine CD einzulegen. Mit welcher Musik auch? Irgendwie ist alles sinnlos. Alles nervt. Pur singt vom Abenteuerland. Tausendmal gehört. Noch nie so richtig auf den Text geachtet. Heute dringt die Stimme des Sängers aber tiefer in mein Bewusstsein.


Der triste Himmel macht mich krank. Ein schweres graues Tuch. Das die Sinne fast erstickt.“


Da hat er wohl recht, der Hartmut Engler. Eigentlich macht mich alles krank. Der Himmel ist das Leben. Das triste Leben macht mich krank. Und es erstickt tatsächlich meine Sinne. Ich fühle mich völlig leer. Emotionslos. Antriebslos. Ich habe meine Träume aufgegeben, wenn ich überhaupt je welche hatte. Habe mich aufgegeben. Bin eingeknickt und lasse das Leben mit mir machen, was auch immer es mit mir machen will. Alles erscheint sinnlos. Anstrengend. Ziellos. Planlos. Leer. Ich fühle mich wie eine Flipperkugel. Immer in Bewegung, die Richtung fremd-bestimmt, von einem harten Anschlag zum nächsten harten Aufprall geschossen. Die Flipperkugel versinkt irgendwann in einem Loch. Und hat dann ihre Ruhe.


Ich versinke in keinem Loch. Ich habe keine Ruhe. Aber ich möchte Ruhe. Ich kann nicht mehr. Ich will nicht mehr. Ich möchte schlafen. Schlafen, ohne zu träumen. Ich habe Angst vor den Träumen. Sie sind bedrohlich und ich habe keinen Einfluss auf sie. Nachts wache ich schweißgebadet auf und fühle mich gehetzt und getrieben. Ich finde meine Ruhe nicht mehr. Und ich habe aufgehört, nach etwas zu suchen. Ich finde nämlich nichts.


Es ist ein beschissener Montagmorgen. Was soll die Woche schon bringen? Die anderen freuen sich auf die Ferien, ich habe alles vermasselt. Für mich ist ein Elite-Internat im neuen Schuljahr in Bayern vorgesehen. Ein reines Jungen-Internat. Ich soll mich nicht ablenken lassen, sagt mein Vater. Bis ich dort beginne, wird er mich mit Missachtung strafen und in seiner Firma arbeiten lassen. Mir fällt nichts ein, worauf ich noch Lust habe. Mein Kopf tut weh. Er ist so voll und doch so leer, schmerzt dauerhaft vor sich hin. Vielleicht ist es nur noch diese eine letzte Lösung, die ich finden muss. Die mich dann ruhen lässt und von allem befreit. Ich glaube, ich habe die Entscheidung längst getroffen und muss mich nur aufraffen, wenigstens diese letzte Aufgabe in meinem Leben umzusetzen. Ich nehme die Musik wahr:


Lange nichts mehr aufgetankt. Die Batterien sind leer. In ein Labyrinth verstrickt. Ich seh den Weg nicht mehr. Ich will weg. Ich will raus.


Dieses Leben besitzt auch noch die Frechheit, mir Signale zu senden. Es gibt keinen Ausweg aus meinem Labyrinth.


Ich will weg, ich will raus. Ich will - wünsch mir was. Und ein kleiner Junge nimmt mich an die Hand. Er winkt mir zu und grinst: Komm hier weg, komm hier raus. Komm ich zeig dir was. Dass du verlernt hast, vor lauter Verstand. Komm mit, komm mit mir ins Abenteuerland. Auf deine eigne Reise. Komm mit mir ins Abenteuerland. Der Eintritt kostet den Verstand. Komm mit mir ins Abenteuerland. Und tu's auf deine Weise. Deine Fantasie schenkt dir ein Land, das Abenteuerland. Trau dich nur zu spinnen, es liegt in deiner Hand. Komm mit. Komm mit mir ins Abenteuerland.

 

Zwei Stunden später stehe ich am Bahnhof. Einem Ort, an dem man flüchten kann. Ganz aus dem Leben oder auch einfach nur an einen anderen Ort. Der Regen hat nachgelassen, doch mir ist kalt an diesem Junimorgen. Ich habe vorhin das Radio ausgeschaltet, meinen Trekking-Rucksack mit meinen Lieblingsklamotten und ein paar wenigen Habseligkeiten gepackt, mir mein Sparbuch herausgesucht. Ich ging zur Bank und ließ mir mein ganzes Geld auszahlen. Mein selbst Erspartes sowie das für mein Studium vorgesehene Geld. Monatlich per Dauerauftrag aufgefüllt von meinen Eltern. Das haben sie nicht bedacht, dass ich seit meinem 18. Geburtstag Zugriff darauf habe.

Ich habe über 20.000 Mark in der Tasche. Ich könnte mir jetzt ein Auto kaufen gehen und bar bezahlen. Doch was würde sich dann ändern? Mit Geld kann man sich ein Leben nicht erkaufen. Man kann sich vorübergehend ein Stück Freiheit erkaufen. Und das mache ich.

„Ich hätte gerne eine Fahrkarte, irgendwohin.“ Ich meine das nicht spaßig, es ist mir vollkommen egal. Der Bahnangestellte schaut mich an: „Ok, du Spaßvogel. Wohin soll‘s denn gehen?“ – „Keine Ahnung, was empfehlen Sie denn?“ Der Mann mustert mich und lacht: „Wohl ‘nen Clown gefrühstückt, was?“

         

Ich bin genervt. Der Typ soll mir ein Ticket geben und fertig. „Passen Sie mal auf, entweder ich bekomme jetzt hier eine Fahrkarte oder ich werfe mich vor den nächsten Zug, wenn Ihnen das lieber ist!“ Damit habe ich ihn wohl verunsichert. Er findet mich aber offenbar immer noch amüsant, auch wenn er sich nicht mehr so sicher ist. „Also, der nächste Zug ist gleich der ICE nach München, junger Mann.“ – „Dann einmal München bitte.“ – „Großraum oder Abteil?“

 

Im Buch folgt nun ein Rückblick. Der Leser erfährt, was dazu geführt hat, dass Tim sich in einer solch traurigen Situation befindet. Wir steigen mit der Leseprobe nun wieder ein, als Tim mit dem Zug in München ankommt:


 

Kapitel 3

 

Ich sitze nun seit Stunden im Zug. Habe die Landschaft betrachtet und verschwommen wahrgenommen, in welchen Städten wir gehalten haben. Zweimal haben meine Sitznachbarn gewechselt, aber ich habe sie nicht beachtet. Meine Gedanken waren genauso verschwommen. Ich habe mich gefragt, warum ich hier eigentlich sitze. Ich hatte keine Antwort darauf. Ich habe mich gefragt, ob und wie es weitergehen soll mit mir. Darauf hatte ich auch keine Antwort. Ich sitze einfach hier. Wir erreichen gleich den Hauptbahnhof von München. Endstation. „Alles aussteigen, bitte!“


München Hauptbahnhof also. Hierher hat es mich bisher noch nie verschlagen und ich bin überrascht. Der Kopfbahnhof wirkt auf mich riesig und moderner als viele andere große Bahnhöfe, in denen ich schon war. Meterlange Werbebanner leuchten, es herrscht eine Hektik, die mir angenehmer vorkommt als bei uns in Hannover. Möglich, dass ich es mir einbilde, aber die Menschen hier scheinen anders zu sein. Vielleicht liegt es auch daran, dass sich hier die Pendler mit München-Touristen und umsteigenden Urlaubsreisenden vermischen. Man sieht viele Koffer und Rucksäcke und man spürt, dass hier der Hauch von Urlaub durch die bayrische Bahnhofsluft weht.


Mir ist aber bewusst, dass ich nicht hierher passe. Ich fühle mich wie der Beobachter einer Modelleisenbahn. Durchaus angetan vom Treiben hier, aber eben nicht dazugehörig. Ich bin kein Pendler. Ich bin kein München-Tourist. Und ein umsteigender Urlaubsreisender bin ich schon mal gar nicht. Ich bin ein Gestrandeter, der überhaupt keine Idee hat, wie es nun weitergehen soll.


Ich bemerke ein Schild mit dem Hinweis auf die Schließfächer für die Gepäckaufbewahrung. Ich sehe das Banner des DB-Reisecenters aufleuchten und all die Plakate von Angeboten. Ich nehme die farbenfroh leuchtenden Werbeschriftzüge der Fast-Food-Restaurants wahr. Essensstände und Zeitschriftenkioske wechseln sich in Form von Pavillons am Querbahnsteig ab und überall sehe ich in den Auslagen der Shops Andenken aus München. Wahrscheinlich bin ich der einzige Mensch unter den vielen Hunderten, der mitten in dieser eindrucksvollen Halle steht und sich einfach umblickt, ohne ein Ziel zu haben. Außer mir ist da vielleicht nur noch der Obdachlose, der unweit von mir in den Mülleimern nach etwas Verwertbarem kramt.


Mir schießen eine Menge wirre Gedanken durch den Kopf: Soll ich mich um eine Bleibe für die Nacht kümmern? Und wenn ja, wo? Hier in München, der zufälligen Endstation meines Fluchtzuges? Was mache ich hier? Ich weiß noch nicht einmal so genau, ob ich Hunger oder Durst habe. Ich kann keinen klaren Gedanken fassen. In mir herrscht eine Leere. Es fühlt sich taub an. Aber nicht mehr so stark wie sonst in den letzten Wochen. Irgendetwas reizt mich an meiner Lage, ich kann nur noch nicht einordnen, was genau das ist.


Man kennt das aus Filmen, in denen der Schauspieler eingeblendet wird, wie er in Zeitlupe gemächlich irgendetwas macht, während um ihn herum alles im Zeitraffer vergeht. Genau so kann das Leben wirklich sein. Ich stehe hier ganz ohne Zeitgefühl und in mir verspüre ich eine gewisse Ruhe, während um mich herum das Leben tobt und die Menschen hektisch zu ihren Zügen eilen. Sie alle vereint, dass sie keine Zeit haben. Menschen können kaum ihr Gepäck tragen, holen sich aber eilig etwas zu essen und balancieren ihre Wurstsemmel abenteuerlich, obwohl sie dazu eigentlich gar keine Hand mehr freihaben. Leute im Anzug lesen Zeitung, während sie durch die Menschenmengen hetzen.


Ich schaue hoch zu einer Plattform, die man über eine Treppe erreichen kann, dort sind öffentliche Telefone angebracht. Es gibt eine Art Balkon, mit Sicht auf die Gleise und das bunte Treiben der Reisenden, direkt über dem Reisezentrum der Deutschen Bahn. An den kleinen offenen Telefonhäuschen sehe ich kaum jemanden telefonieren, aber offenbar hat es sich die bahnreisende Jugend hier gemütlich gemacht. Versorgt durch das nur wenige Schritte im Inneren des Bahnhofs befindliche große Fastfood-Restaurant, scheinen sie hier ihre Stätte der Ruhe nur drei Meter über der Hektik gefunden zu haben. Das macht mich neugierig. Ich sattele meinen Rucksack und nehme die Stufen hinauf. Ich habe es von unten richtig vermutet und erkenne es nun noch besser: Das ist der Platz der Interrailer und Rucksacktouristen, die meisten ungefähr in meinem Alter, manche etwas älter.


Interrail ist ein Ticket für junge Leute, mit dem man nach Herzenslust einen Monat lang den Kontinent per Bahn bereisen kann. Vor Kurzem lief darüber ein Bericht im Fernsehen. Ich habe ihn mit der gleichen Distanz wahrgenommen, wie einen Bericht über die chinesischen Reisbauern. Beides hat so gar nichts mit mir zu tun. Man erkennt die Interrailer schnell an ihrem Gepäck und ihrer Ausstattung. Vielleicht auch an ihrer Ausstrahlung, sie sind die echten und wahrhaftig Reisenden. Sie sitzen oder liegen hier auf dem Boden oder stehen am Geländer und lassen den Blick in die weite Halle schweifen. Einige von ihnen haben Schlafsäcke ausgebreitet und scheinen sogar die Nacht hier verbringen zu wollen. Vielleicht sind es insgesamt nur 20 oder 25 Menschen, aber sie vermitteln eine gewisse Atmosphäre von Abenteuer und Freiheit.


Ich gehe die Plattform entlang, hinüber in den wie immer überfüllten Fast-Food-Tempel, in dem ich mich mit dem Nötigsten versorge. An Essen habe ich heute noch gar nicht gedacht und so langsam knurrt mein Magen und ich habe Durst. Ich bestelle einen Cheeseburger, Pommes und eine große Cola. „Zum Mitnehmen oder hier essen?“ Wie immer bestelle ich zum „hier essen“, entscheide mich aber noch um und bekomme meine Bestellung in die obligatorische Tüte verpackt. Wenn ich schon hier bin, dann möchte ich mich auch fühlen wie diejenigen, die aufbrechen in die weite Welt und vorne an der Brüstung in der Bahnhofshalle sitzen. Ich finde eine freie Ecke neben zwei Jungs, die in meinem Alter sein dürften.


„Hi, ist hier noch frei?“, frage ich und der größere der Beiden, ein mit einer etwas zu großen Jeans und einem blauen Kapuzen-Sweatshirt gekleideter Skatebord-Typ mit Baseball-Cap, blickt kurz hoch und sagt freundlich: „Ja, klar, setz dich!“ Er macht eine einladende Handbewegung auf das freie Plätzchen auf den Steinen. So ein wenig fühle ich mich wie ein Gast in ihrem Plattform-Separee. Es steht jeweils ein Telefonhäuschen in einem Dreieck, dessen Spitze hinaus in die Halle und zu den Schienen zeigt. Und so teilt sich die Plattform in über ein Dutzend kleiner Dreiecke. Die Begrenzung ist aus Glas, man sitzt gut hier. Sieht seine Mitmenschen, kann aber auch in die weite Halle schauen.


Ich fühle mich zum ersten Mal heute etwas besser. Es ist so, als sei ich ein bisschen zur Ruhe gekommen. Die beiden Jungs unterhalten sich darüber, wann sie aufbrechen wollen, um einzukaufen für ihre Nachtfahrt. Sie hocken auf Schlafsäcken, aber offenbar werden sie die Nacht im Zug verbringen und sind sich schnell darüber einig, dass es ein paar Dosen Bier sein müssen und ein paar „Schrippen mit Buletten“. Der Kleinere der beiden, mit blonden Haaren, die bis fast über seine Augen reichen, und mit einer Bermuda und einem Hawaii-T-Shirt bunt bekleidet, setzt sich einen Strohhut auf. Er will aufbrechen, um den Proviant in einem türkischen Lebensmittelmarkt in der Nähe des Bahnhofs aufzufüllen, wie ich ihrer Unterhaltung entnehmen kann. Der Große bleibt, um auf die Rucksäcke aufzupassen. Es sind ebenfalls Trekking-Rucksäcke, die aber eine Nummer größer und professioneller sind als meiner. An ihnen baumeln Tassen und Schuhe, eine Isomatte ist eingeklemmt.


„Hey, ick bin Ische“, sagt er auf einmal zu mir und reißt mich aus meinen Gedanken. „Hi, ich bin Tim“, antworte ich und wir geben uns die Hand. Oder versuchen es, ich strecke ihm meine Hand entgegen und er klatscht seine Hand innen und außen an meiner Hand ab, um danach kräftig zuzupacken. Vielleicht eine Art Hip-Hopper-Gruß oder was auch immer. Ich erfahre, dass Ische mit seinem Freund Keks von Berlin aus vor einer Woche zur großen Reise durch Europa aufgebrochen ist. Sie sind Interrailer. Eigentlich wollten sie sich Belgien und die Niederlande ansehen, aber sie sind in Amsterdam hängen geblieben. Auf Isches Gesicht breitet sich ein Grinsen aus: „Coffeeshops, heiße Bräute, enfach jeil“, lacht er und öffnet sich eine Dose Bier. Ich denke, es wird nicht seine erste heute sein. Ische freut sich wie ein Kind, er habe seine Realschule mit nur einer Ehrenrunde abgeschlossen und fange ab September eine Lehre als Maler an. Vorher lässt er es richtig krachen und will etwas sehen und erleben von der Welt. Was auch immer, ganz egal, wie er sagt. Keks sei immer dabei, also auch auf der großen Fahrt. „Cooler Name. ‚Keks‘ “, werfe ich ein, um auch mal etwas zu sagen. „Ja, ja, der Keks bekommt imma Heißhunger uf Buttakekse, wenna ne Tüte jerocht hat. Ey, der wird totaly aggro, wenna dann keene Kekse kriegt, is so jeil. Ey, ick sach dir, Tim, der Keks is meen janzet Leben meen bester Freund. Wir ham uns in Amsterdam sojar die Fraun jeteilt“, lacht Ische und stößt mir grölend in die Rippen, bevor er den nächsten Schluck nimmt.


Ische ist aus einer anderen Welt. Eine Welt, die ich nicht kenne. Und ich hätte wohl vor wenigen Stunden auch nicht geglaubt, dass ich hier mitten auf dem Fußboden des Hauptbahnhofes von München mit einem Wilden sitze und mir erzählen lasse, wie leicht sich Holländerinnen im bekifften Zustand zum, nun, sagen wir mal, öffentlichen Oralverkehr hinreißen lassen würden. „Machste och Interrail?“, fragt er und schaut mich neugierig an. „Ich habe keine Ahnung, was ich mache. Ich bin heute von zuhause abgehauen, hab mir ne Fahrkarte gekauft und nun sitze ich hier. Bei mir lief alles scheiße in letzter Zeit. Echt, kein Plan, was ich mache.“


Ische schaut ernst, zum ersten Mal in unserer Unterhaltung. Er greift in seinen Rucksack und reicht mir ein Bier. „Tja, kacke, Alter. Mach dir erstma ne Dose uf. Und komm halt mit. Wir fahn runta zu den Spaghettis.“ Ische erzählt mir, dass sein Bruder schon mal auf Tour durch Italien war und dabei sogar eine Nacht im Knast irgendwo auf Sizilien verbringen musste, nachdem er einem Carabinieri auf die Stiefel gekotzt hat. Ische verschluckt sich fast vor Lachen. Italien sei cool, immer warm, man könne irgendwo am Strand pennen, es würde in Italien nie regnen, alles wäre ganz easy. Na, und die Italienerinnen … Selbst war er noch nicht da, aber sein Bruder habe ja alles ausgekundschaftet.


Wenn ich mich so umsehe, dann mag es unter den Rucksacktouristen, die sich hier auf der Plattform die Zeit vertreiben, sicherlich Niveauvollere geben. Zum Beispiel das blonde Mädchen, welches gedankenverloren einen dicken Fantasy-Wälzer liest und dazu nach jeder Seite an ihrer Wasserflasche nippt. Oder die Gruppe wenige Meter von uns entfernt, die einen Kassettenrekorder dabei und viel Spaß hat. Sie trinken Wein aus Plastikbechern. Es wird viel gelacht und geredet. Trotzdem amüsiert mich Ische. Er wirkt so lebendig und er macht sich anscheinend über nichts einen Kopf. Er redet wie ein Wasserfall. 

 

Tim lernt am Bahnhof auch noch die Kölnerinnen Ina und Lara kennen. Die fünf beschließen, gemeinsam die Reise mit dem Adria-Express nach Venedig anzutreten. Wir steigen in die Leseprobe wieder ein, als der Zug den Münchner Hauptbahnhof Richtung Italien verläßt.


 

Kapitel 4

 

Wir betreten unser Abteil. Es ist zwar ziemlich eng, nicht viel größer als ein normales Sitzabteil, aber statt Sitzen gibt es hier sechs Liegen. Links und rechts drei übereinander, mit einer Leiter, die vor dem Fenster steht. Wir verstauen unsere Rucksäcke und Lara klappt die beiden mittleren Liegen gekonnt mit wenigen Handgriffen nach unten, so dass sie eine Rückenlehne der untersten Liege bilden.


„Wir sind ja noch ein bisschen wach, oder?“ – „Na klar“, sage ich und stelle fest, dass es hier erstaunlich gemütlich ist. Lara fordert mich auf, meinen Rucksack noch mal unter der Bank hervorzuholen, irgendetwas scheint sie da unten zu suchen. Sie kramt unter der Liege herum zieht ein großes Brett heraus. Dieses Brett ist ein Tisch und man kann es an dem kleinen Abstelltischchen am Fenster einhaken. Zur Abteilmitte hin wird es von einem ausklappbaren Metallbein gehalten. Nun haben wir also ein Abteil mit einem Tisch in der Mitte. Der Schaffner kommt vorbei, wir erledigen die Bezahlung, er nimmt unsere Fahrkarten und unsere Pässe mit. Ina klärt mich auf, dass der Schaffner für uns die Zollkontrollen durchführt, damit wir in Ruhe schlafen können. Der Liegewagenschaffner ist im Stress, bringt uns noch weiße Laken und kleine Kopfkissen und weist uns darauf hin, dass es in den Bergen kalt werden könnte. Für den Fall lägen auf den oberen Liegen noch Wolldecken bereit.


Wir breiten uns aus und ich stelle die beiden Flaschen Lambrusco auf den Tisch. Und merke, dass wir keine Becher haben. „Mh, frag doch mal den Schaffner“, meint Keks. Wir rufen ihn, als er an der Tür vorbeihastet. Er staunt nicht schlecht: „Ihr bringt euer eigenes Zeug mit und wollt von mir dann die Becher haben?“ Oh, vielleicht haben wir es jetzt übertrieben. Ich setze zu einer Entschuldigung an, doch er lacht: „So hab ich das früher auch gemacht. Ich bring euch welche.“ Fünf Minuten später steht ein Stapel Plastikbecher auf dem Tisch, Keks spendet ein paar seiner Kekse und Ische packt die restlichen Bierdosen aus. Mittlerweile läuft Ready or Not vom Album The Score der Fugees. Der Zug setzt sich in Bewegung und wir fahren in der Dämmerung aus dem Hauptbahnhof. Ich stehe am Fenster und schaue mir an, wie wir gemächlich durch München rollen.


Es herrscht ein aufgewecktes Treiben an Bord. Junge Leute, die auf dem Weg in den Urlaub sind und den Liegewagen wohl eher zum Feiern als zum Schlafen gebucht haben, ältere Reisende, die mit ihrer Toilettentasche auf dem Weg zu den winzigen Waschräumen an den Enden des Wagens sind und Familienväter, die sich und ihren Frauen noch eine kleine Flasche Sekt oder Wein beim Schaffner organisiert haben und an ihrem Tisch sitzen, während die Kinder auf den oberen Liegen schon schlafen. Wir haben unseren Spaß, unterhalten uns, trinken und essen. Es kommt mir vor, als wären wir erst wenige Sekunden unterwegs, als der Zug bereits in Rosenheim einfährt. Als wir um kurz nach elf die österreichische Grenze bei Kufstein erreichen, sieht man den Vollmond die Umrisse der Berge erleuchten.


„Ich gehe mal frische Luft schnappen, kommst du mit?“, fragt mich Lara und ich begleite sie auf den Gang. Hier ist noch eine Menge Leben. Neben uns sitzen zwei Jungs mit einer Flasche Wein auf dem Boden. Weiter hinten stehen einige jüngere Leute und stoßen auf ihren Urlaubsbeginn an. Musik ist zu hören. Man könnte meinen, wir wären in einer Jugendherberge gelandet. Lara schiebt das Fenster herunter und streckt ihren Kopf heraus. Die Nacht ist noch warm, es weht ein angenehmes Lüftchen, ein Vorgeschmack auf den bevorstehenden Sommer. „Du bist noch nie im Nachtzug gefahren?“ – „Nein, leider nicht.“ – „Für mich ist das eine tolle Art zu reisen. Man lernt Menschen kennen und man weiß, dass man Meter für Meter seinem Ziel näher kommt. Und Nachtzüge fahren gerade in den Bergen oft so langsam, dass man den Kopf aus dem Fenster strecken kann. Wenn Vollmond ist, so wie heute, dann ist es herrlich zu sehen, wie die Konturen der Landschaft vorbeiziehen.“ Der Zug fährt an und ich spüre auch diese magische Eisenbahnromantik des Nachtzugs. Man kann die Lichter der Bergdörfer sehen und die weißen Spitzen der schneebedeckten Berge leuchten im Mondlicht. Im Dunkeln wirken die Berge noch höher als am Tag. Der Zug schlängelt sich durch die Landschaft und wir genießen es. Lara ist ruhig und wohl auch selbst in Gedanken verloren. Sie lehnt ihren Kopf bei mir an und umfasst mich mit dem Arm. Es tut mir gut und ich fühle mich bei meinen Reisekumpanen geborgen und gut aufgehoben. Wir kennen uns alle erst ein paar Stunden, haben noch gar nicht so viel voneinander erfahren, aber wir sind uns alle miteinander sehr nahe. Wir stehen schweigend am Fenster und schauen in die vorbeiziehende Landschaft.


Die Tür unseres Nachbarabteils geht auf und drei junge Pärchen kommen zu uns auf den Gang. Sie sind aufgeregt und reden über eine Wette. Einer ist sich gemeinsam mit seiner Freundin sicher, dass er sie gewinnen wird, die anderen ziehen ihn auf und freuen sich über jeweils 50 Mark, die ihnen winken, wenn er sie verliert. „Ihr werdet schon sehen, es wird klappen. Ich bin mir sicher. Und außerdem habe ich echt Hunger“, sagt der Eine. „Eher wirst du verhungern“, lacht ein Anderer. „Es wird klappen, er hat extra Schillinge umgetauscht“, sagt die Freundin des Siegessicheren. Sie werden immer ungeduldiger, schauen auf die Uhr, sie warten auf die Einfahrt in den Bahnhof von Jenbach. Lara ist neugierig geworden: „Tschuldigung, darf ich euch mal fragen, um was es bei eurer Wette geht? Das klingt ja alles total spannend.“ Wir werden aufgeklärt. Lukas, einer der Jungs, war vor sechs Wochen mit seiner Freundin Claudia im Urlaub in St. Marghereten, einem kleinen Dörfchen oberhalb von Jenbach. Sie haben in Jenbach eine kleine gemütliche Pizzeria entdeckt, in der sie oft essen waren. Toni, der Wirt, lieferte auch per Pizza-Taxi aus. Und Lukas erzählte ihm davon, dass er auf dem Weg zu einem Kurztrip nach Venedig mit seinen Freunden Martin, Hanna, Michael und Miriam bald mit dem Zug durch Jenbach fahren wird. Da könne Toni ja sechs Pizzen an den Zug bringen. Kein Problem für Toni. Er notierte sich die Bestellung in sein Notizbuch und versprach, die Pizza pünktlich an jenem Abend um 23.38 Uhr an den Zug zu bringen. Wieder zuhause angekommen, erzählte Lukas das den anderen, die aber nicht daran glaubten, dass so etwas klappen könnte. Sie wetteten schließlich um 50 Mark pro Paar. Lukas und Claudia vertrauen ihrem Toni, die anderen setzen dagegen.


Die Geschichte hat längst die Runde gemacht bei den Leuten auf dem Gang. Alles wartet gespannt auf die Einfahrt in Jenbach. Der Zug erreicht die Ortschaft und wird langsamer. Die ersten Schilder „Jenbach“ erscheinen, der Bahnsteig taucht neben uns auf. Wir stecken die Köpfe aus dem Fenster und sehen in der Mitte des Bahnsteigs etwas leuchten. Wir rollen an einem beleibten Mann mit einer Schürze in den italienischen Nationalfarben vorbei, der sechs Pizzakartons vor sich hält. Im obersten stecken sechs Wunderkerzen. Jubel bricht aus im Wagen 254. Und Toni weiß sofort, wohin die Pizza gehört. Wir fahren ein ganzes Stück an ihm vorbei und er fängt an, uns hinterherzulaufen. „Standing Ovations“ für Toni, der laut ruft: „Buona sera, Ragazzi. Benvenuto in Jenbach. Auf Toni ist Verlass.“ Lukas bezahlt, umarmt Toni. Alle Fensterplätze sind besetzt, die Zuschauer applaudieren und schon geht die Reise weiter. Der Zug fährt an und lässt einen winkenden und glücklichen Toni zurück. Welch ein Auftritt in zwei Minuten.


Die Pizzen werden herumgereicht, jeder darf sich ein Stück nehmen. Der Held dieser Nacht ist Toni, der Pizzabäcker aus Jenbach.

 

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